LIVEFr., 16.10.2026

Euroraum

Wachstum auf Pump: Wie der fiskalische Kurswechsel die Gewichte im Euroraum verschiebt

Erstmals seit fast einem Jahrzehnt wächst die deutsche Wirtschaft wieder stärker als die französische – getrieben von massiven staatlichen Investitionen. Doch der neue Wachstumskurs im Euroraum steht auf einem teuren Fundament aus steigenden Defiziten und hartnäckiger Inflation.

Markus Lehmann

Von Markus Lehmann

Markus Lehmann ist Experte für Finanzmärkte und Unternehmensstrategien beim Wirtschaftsfenster. Mit scharfem Blick verfolgt er Fusionen, Übernahmen und die Entwicklung an den internationalen Börsen. · · 3 Min.

Wachstum auf Pump: Wie der fiskalische Kurswechsel die Gewichte im Euroraum verschiebt
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Es ist eine wirtschaftspolitische Trendwende, die so vor kurzem noch kaum jemand prognostiziert hätte: Nach Jahren der Stagnation und schmerzhaften Rezessionen schickt sich Deutschland an, den Wachstumsmotor des Nachbarn Frankreichs zu überholen. Laut den jüngsten Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Bundesrepublik in diesem Jahr um 1,3 Prozent und im kommenden Jahr um 1,1 Prozent zulegen. Frankreich hingegen hinkt mit erwarteten Wachstumsraten von 0,4 und 0,7 Prozent deutlich hinterher.

Diese Verschiebung der Kräfteverhältnisse markiert eine Zäsur. Seit fast einem Jahrzehnt war es der deutschen Wirtschaft nicht mehr gelungen, eine höhere Dynamik als die französische zu entfalten. Doch ein genauerer Blick auf die Fundamentaldaten zeigt, dass dieser Aufschwung auf einem völlig veränderten wirtschaftspolitischen Fundament ruht – und mit erheblichen fiskalischen Risiken erkauft wird.

Der deutsche Kurswechsel: Wachstum durch Schulden

Der Haupttreiber der deutschen Erholung ist ein Paradigmenwechsel in der Finanzpolitik. Die traditionelle fiskalische Zurückhaltung, die Deutschland über Jahre auszeichnete, weicht einer neuen Bereitschaft zur Staatsverschuldung. Massive Investitionen in die Modernisierung der maroden Infrastruktur sowie erhebliche Sonderbudgets für die Landesverteidigung wirken wie ein Konjunkturprogramm.

Diese fiskalische Expansion hinterlässt jedoch tiefe Spuren im Staatshaushalt. Der IWF prognostiziert, dass das deutsche Staatsdefizit von 2,9 Prozent im vergangenen Jahr auf drastische 4,6 Prozent im kommenden Jahr ansteigen wird. Erst im Jahr 2031, so die Schätzungen der Ökonomen, dürfte die Defizitquote wieder unter die wichtige Marke von vier Prozent sinken. Damit verabschiedet sich die Bundesrepublik zumindest mittelfristig von der Rolle des europäischen Stabilitätsankers.

Das französische Dilemma: Schulden ohne Wirkung

Während Deutschland die Schuldenaufnahme gezielt zur Stimulierung der Wirtschaft nutzt, offenbart der Blick nach Frankreich ein strukturelles Dilemma. Auch Paris lässt die Zügel locker: Für das laufende Jahr rechnet der IWF mit einem französischen Staatsdefizit von 5,4 Prozent des BIP. Ähnlich wie in Deutschland wird auch hier erst im Jahr 2031 mit einer Rückkehr unter die Vier-Prozent-Grenze gerechnet.

Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Effizienz dieser Ausgaben. Anders als in Deutschland verpuffen die französischen Milliardenschulden weitgehend, ohne nennenswerte Wachstumsimpulse freizusetzen. Es zeigt sich eine besorgniserregende Diskrepanz zwischen fiskalischem Aufwand und realwirtschaftlichem Ertrag, die Frankreich vor erhebliche strukturelle Probleme stellt.

Überraschende Disziplin im Süden

Ganz andere Töne schlagen derzeit die einstigen Sorgenkinder der Eurozone an. Italien und Spanien präsentieren sich im aktuellen Vergleich fast als finanzpolitische Musterschüler. Das italienische Defizit stabilisiert sich im Prognosezeitraum zwischen moderaten 2,7 und 2,9 Prozent. Zwar fallen die italienischen Wachstumsraten schwächer aus als die deutschen, doch die Konsolidierung der Staatsfinanzen schreitet voran.

Noch beeindruckender zeigt sich Spanien: Bei einem Defizit von lediglich 2,0 bis 2,4 Prozent verzeichnet das Land ein robustes Wirtschaftswachstum, das die Dynamik der beiden großen Kernländer übertrifft. Die südeuropäischen Staaten demonstrieren damit, dass Haushaltsdisziplin und ökonomische Vitalität kein Widerspruch sein müssen.

Die Widerstandskraft des Euroraums

Insgesamt präsentiert sich die Wirtschaft des Euroraums mit seinen 21 Mitgliedstaaten robuster als erwartet. Trotz der geopolitischen Turbulenzen, insbesondere der militärischen Spannungen am Persischen Golf und den daraus resultierenden volatilen, aber dauerhaft erhöhten Energiepreisen, bleibt der Währungsraum auf einem moderaten Wachstumskurs. Der IWF prognostiziert für dieses und das kommende Jahr Zuwachsraten von 1,1 beziehungsweise 1,2 Prozent.

Dass die befürchtete tiefe Rezession ausbleibt, liegt vor allem an einer gesteigerten Resilienz der Unternehmen und privaten Haushalte. Im Vergleich zu den Ölkrisen der Siebziger- und Achtzigerjahre ist die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern spürbar gesunken. Auch andere klimatische und logistische Herausforderungen, wie die extreme Trockenheit des vergangenen Sommers, wurden verhältnismäßig gut verkraftet.

Der bleibende Risikofaktor: Hartnäckige Inflation

Trotz dieser positiven Signale ist Entwarnung verfrüht. Die anhaltend hohen Energiepreise wirken wie ein schleichendes Gift auf die Wirtschaft. Sie treiben nicht nur die Kosten für die Industrie, sondern belasten auch die Konsumstimmung der Verbraucher massiv.

Im September sprang die Inflationsrate im Euroraum nach ersten Schätzungen auf 3,8 Prozent – der höchste Wert seit drei Jahren. Da die gestiegenen Erzeugerpreise, die zuletzt ein Plus von über acht Prozent verzeichneten, erst zeitverzögert an die Endverbraucher weitergegeben werden, ist mit einer schnellen Entlastung an der Preisfront nicht zu rechnen.

Fazit: Der Euroraum behauptet sich in stürmischen Zeiten, doch das neue Wachstum ist teuer erkauft. Wenn Deutschland seinen Vorsprung halten will, muss es beweisen, dass die schuldenfinanzierten Investitionen langfristig die Produktivität steigern. Andernfalls droht der Bundesrepublik das französische Schicksal: Hohe Schulden bei stagnierender Dynamik.

Eigenständig verfasst von der Wirtschaftsfenster-Redaktion. Recherchegrundlage: Frankfurter Allgemeine Zeitung (Faz). Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.

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